"Der Dichter, der in völliger Abgeschiedenheit spontan zu Papier bringt, was der Geist ihm eingibt, schreibt das nieder, was auch den Menschen in den dichtbevölkerten Städten als wahr gilt."

Ralph Waldo Emerson 

(1803 - 1882)


Mein perfektes Geschenk

 

 

Es ist Weihnachtszeit, die Straßen riechen nach gebrannten Mandeln, an jeder Ecke blinkt es, sieht man Rentier- und Tannenbaumdekoration in den Fenstern. Eine Zeit des Beschenkens, das Fest der Liebe. Unzählige Menschen, in dicke Winterjacken gehüllt, jagen durch die Geschäfte, zwängen sich zwischen Regalen und gestapelten Spielzeugkartons hindurch auf der Suche nach DEM Geschenk. Dem perfekten Geschenk - für die Kinder, für die Brüder, für die Mütter, für die Väter, für die Liebsten und die Geliebten. Jeder will seine 0-8-15-Wahl vom letzten Jahr übertrumphen und nimmt auf der Suche nach besagtem Geschenkeschatz Ellebogenhiebe, Menschengedränge und stundenlanges Anstehen in Kauf.
Ich stehe inmitten dieses Schlachtfelds und um mich herum dröhnt der Weihnachtswahnsinn. Kinder schreien, Mütter schimpfen, Väter verstecken sich und suchen Schutz. Überall liegt Engelshaar, ich kann nichts sehen voller Girlanden, die Lichter funkeln und versprechen mit perverser Aufdringlichkeit eine große Portion Spaß.
Ich muss hier raus. Angeekelt von den vermeintlichen Sonderangeboten und Schnäppchenständern laufe ich davon. Werbeplakate kündigen mir ein fröhliches Fest an, wenn ich nur ja ihre Limonaden trinke, wenn meine Kindern nur ja an ihren bärtigen Glücksbringer glauben. Die Erlösung wird kommen wenn ich dieses Duschgel kaufe und jenes Armband vorbestelle. Und wenn ich wirklich Freude schenken will dann adoptiere ich eine Schildkröte, fange sie aber nicht ein sondern lasse sie frei und wenn meine Plastiktüte vom Weihnachtsmarkt ihr irgendwann den Bauch verklebt, ja dann schließt sich der Kreis und Merry Christmas, I gave you my bag but you gave it away.
Ich atme durch und rufe mir ins Gedächtnis, was Weihnachten eigentlich wirklich für mich bedeutet.
Zeit.
Denn das einzige Geschenk, das ich meinen Liebsten dieses Jahr machen möchte, ist Zeit. Oft habe ich das Gefühl, dass wir in diesem ganzen Geschenkewahn vergessen, dass es doch um das Geben von Liebe geht, nicht um all den Schmuck, die Spielzeuge und die Gutscheine. Und für mich bedeutet Liebe zu geben Zeit zu schenken. Zeit, in der ich zuhöre. Damit meine Liebsten wissen, dass sie erhört werden, dass sie nicht alleine sind mit ihren Gedanken auf dieser großen weiten Welt. Obwohl es auf dieser großen, weiten Welt fast 7 ½ Milliarden Menschen gibt, fühlt man sich manchmal allein. Ich glaube, weil wir einander nicht oft genug zuhören. Weil wir uns viel zu selten zuhören.
Wieso schenken wir uns nicht ein bisschen Zuhören?  
Mein 13-jähriges schreit laut
„Ich bin nicht dafür verantwortlich, was du verstehst,
nur dafür, was sich sage.“
Ja, wie leicht man es sich doch machen kann.
Alles ist schwarz oder weiß,
es gibt nur den anderen und mich.
Den anderen oder mich.
Aber was ist denn, mit dem dazwischen?
Was ist zwischen mir und dir?
Zwischen dir und ihr? Zwischen ihm und ihm?
Zwischen dem ihr und dem wir?

Da ist so viel, dass nicht gehört wird, weil es oft ganz leise ist. Es braucht seine Zeit, bis es erhört wird. Und man kann es nur hören, wenn man wirklich zuhört.
Gebt dem Unerhörten Raum, lasst ihm Platz,
erhört das Unerhörte.
Wieso schenken wir uns nicht mehr Zuhören?
Zuhören bedeutet sich Zeit zu nehmen für den anderen. In der stressigen Welt der Erwachsenen ein rares Gut. Aber wieso nicht klein anfangen? Wieso nicht der Omi im Bus gegenüber ein offenes Ohr schenken, nur für fünfzehn Minuten, während sie alte Geschichten aus der Jugend in der Südstadt zum Besten gibt. Wieso nicht die Freundin mal erzählen lassen, wie es mit dem Leben so läuft, statt selbst immer das Wort zu haben?
Und wieso schenken wir nicht ein bisschen Zeit,
auch wenn das Unerhörte auf sich warten lässt,
weil unser Gegenüber nach den passenden Worten sucht und verstummt weil sich das Unerhörte schämt?
Und wenn ich mich schäme,
wenn mein Unerhörtes auf sich warten lässt
wenn es zögert und verstummt
Und ich all meinen Mut brauche
um ihm endlich meine Worte zu leihen
wünsche ich mir dann nicht auch ein bisschen Zeit?
wenn mein Unerhörtes doch ganz langsam  aus seinem Versteck kommt,
und es ganz leise spricht,
bleibt dann nicht oft gar keine Zeit mehr, um es zu erhören?
Oder haben wir nicht doch diese Zeit zum Zuhören?
Schenken wir uns gegenseitig doch mehr Zeit.
Und was ist mit mir?
Sollte ich mir nicht auch selbst viel öfter zuhören,
mir viel öfter Zeit schenken,
Zeit schenken um zuzuhören?
Was ist mir wichtig? Was tut mir gut? Was will ich tun?

Fragen über Fragen. Ich kann nur sagen: Ich wünsche mir für jeden dieses Jahr ein bisschen mehr Zeit. Mehr Zeit für einander, mehr Zeit für euch. Verpackt sie nur mit einer roten Schleife oder in viel Geschenkpapier mit Glitzerstaub, Hauptsache ganz viel Lametta! Nehmt ein heißes Bad, puzzelt, geht gemeinsam einen trinken. Beschenkt euch mit Zeit, in der das Zuhören von ganz alleine geschieht. Weil wir nur, wenn wir einander zuhören, erfahren welche Wünsche unsere Liebsten wirklich haben.


Gunnar Kaiser veröffentlichte im März 2018 seinen Debüt-Roman Unter der Haut. 
Ich habe eine seiner Figuren zum Anlass genommen, ein klitzekleines Vorkapitel zu schreiben:

 

Die Sonnenstrahlen, die durch die mit Spitze gesäumten Gardinen in ihr kleines Appartement fielen, kündigten einen warmen Sommertag an, als sie ihre Lider aufschlug und den Morgen mit verschlafenen Augen begrüßte. Sie drehte sich unter der warmen Oberdecke auf die Seite und schloss die Augen wieder.
Sie erinnerte sich nicht an ihre nächtlichen Träumereien, das warme Gefühl in ihrer Brust ließ sie jedoch wissen, dass es schöne gewesen sein mussten. Sie träumte oft von wundervollen Orten an denen sie noch nie gewesen war, die sie nur aus Erzählungen ihres Vaters kannte, wenn er von einer seiner langen Reisen Zuhause einkehrte und sie ihr, seine kleine Tochter auf dem Schoß hin- und herwippend, so detailreich wie möglich zuflüsterte. Ganz leise sprach er von Kuba und den Märkten dort, wie er Zigarre rauchend den Tänzerinnen und Tänzern auf den staubigen Straßen zuschaute und sich wünschte, auch so mit ihrer Mutter tanzen zu können. Oft wusste sie nicht mehr, ob sie mit ihm gemeinsam im kanadischen Alberta die Bären gesehen hatte, wusste nicht mehr, ob das brasilianische moqueca capixaba wirklich einen Geschmack nach Kokos auf ihrer Zunge hinterließ oder ob es nur die Geschichten ihres Vaters waren, in die sich so sehr hineinsehnte. Dein Vater reist zu viel, sagte ihre Mutter oft. Meist sagte sie das am Morgen zu ihrer Tochter, wenn Onkel Charles das Haus verließ. Sie hatte ihre Mutter nachts oft stöhnen und schreien hören, erst sehr spät verstand sie, dass es Schreie der Lust waren, nicht die des Schmerzes. Sie verstand es erst, als ihre Mutter starb und Onkel Charles in der Kirche weinte. Ihr Vater war damals nicht dort, er war schon lange nicht mehr zum Erzählen nach Hause gekommen. Sie fragte sich damals, ob ihr Vater gekommen wäre, hätten er und Mutter Salsa tanzen können. Vielleicht wäre Vater dann nicht immer auf Reisen gewesen und Onkel Charles hätte jemand anderen gefunden, bei dem er die Nacht verbringen konnte. Aber davon träumte sie nicht, sie träumte von Palmen und warmen Winden an der Küste eines der vielen Länder, von denen ihr Vater so malerisch berichten konnte.
Nach einigen Minuten schlug sie die Decke auf und streckte sich. Ihr fliederfarbenes Nachthemd rutschte über ihre Schulter und sie spürte, wie sich das warme Licht dieses wundervollen Morgens wie ein Samtbezug auf ihre helle, zarte Haut legte. Als sie vor dem Spiegel stand musterte sie ihre eigenen Züge. Sie zupfte an den noch schlaftrunkenen Locken, das Rot glänzte im Licht, das nun drängender, fast zu aufdringlich den Raum erhellte. Blonde Strähnen durchzogen die Locken, die ihre Mutter früher penibel pflegte und ihr immer predigte, auf die Feuchtigkeit in ihnen zu achten. Ein guter Mann weiß deine Haarfarbe zu schätzen, mein Kind, hörte sie sie sagen. Und sie wusste es. Sie wusste es, weil es seit ihrer Ankunft in New York so viele Männer gegeben hatte, die sie auf Grund ihrer Haare auf einen Drink einladen wollten. Natürlich wollten nicht alle nur ihre Locken, viele waren an Sex interessiert, auch das wusste sie. Genauso, wie ihr bewusst war, dass nicht alle dieser Männer gute Männer gewesen waren. Chuck jedoch, sie durfte ihn so nennen, um nicht immer an ihren Onkel Charles erinnert zu werden, der war ein guter Mann. Er hatte sie dreimal zum Dinner in ein gehobenes Restaurant mit Live Musik eingeladen, bevor er mit ihr schlafen wollte. Bevor er es offen zeigte. Sie wäre schon nach dem zweiten Treffen mit ihm nach Hause gegangen und hätte sich ihm hingegeben, er versuchte sein körperliches Verlangen nach ihr aber so krampfhaft zu verbergen, dass sie ihm – oder sich – nicht den Spaß nehmen wollte. Er war ein gebildeter Mann Mitte dreißig, der sich mit Wein und Jazz auskannte, das mochte sie. Außerdem hatte er etwas Verwegenes in seinem Blick, etwas, das ihr sagte, dass sie Spaß haben würden in seinem Bett, auf dem Sofa oder der Küchenanrichte. Auch das hatte sie von ihrer Mutter gelernt, Flexibilität und Hingabe bei einem Mann, der sie zu schätzen weiß. Ihre Schönheit anerkennen konnte. Denn sie war schön, das hatte ihr Vater bei seinen kurzen Besuchen immer wieder versichert.
Nachdem sie minutenlang unschlüssig nach einem Kleidungsstück gesucht hatte, das dem Tag angemessen wäre, entschied sie sich für den veilchenblauen Rock, den ihr ihre Freundin Jeanne vor einem Jahr geschenkt hatte. Ihr stand er besser als Jeanne, das wussten beide. Sie blieb vor dem Spiegel neben der Eingangstür stehen und spitzte die vollen Lippen. Eine Fingerkuppe Melkfett fand ihren Weg über das weiche Fleisch, sie grinste sich selbst mit neckischem Blick zu. Am vergangenen Sonnabend hatte sie die Nacht mit Chuck verbracht und er hatte nicht aufhören können, ihre Lippen zu liebkosen. Er war so vernarrt in ihren Mund, küsste und leckte immer wieder daran, betastete ihn mit solcher Vorsicht, als bestünde er aus Glas. Bei diesem Gedanken verspürte sie Freude, Erregung, keinerlei Scham. Sie genoss die Freiheit New Yorks, in das sie vor zwei Jahren gezogen war. Sie genoss es, von einem guten Mann angefasst und geliebt zu werden.
Bevor sie das Apartment verließ griff sie nach dem einzig wertvollen, das sie besaß. Es war ein Buch. Geschrieben von Ralph Waldo Emerson und es trug den Titel Natur. Es war das letzte Mal, dass sie ihren Vater sah und er schenkte ihr dieses Buch. Mit schwarzer Tinte hatte er Für das Beste in meinem Leben, ich liebe Dich auf die erste, nicht bedruckte Seite geschrieben. Seit diesem Tag, an dem er kam und dann für immer fortging, trug sie es mit sich. Vielleicht weil sie hoffte, dass er sie auf Grund dieses Buches eines Tages finden würde, vielleicht weil sie hoffte, zwischen den Deckeln verstecke sich die Antwort darauf, wieso er sie verlassen musste. Ganz sicher, weil sie ihn vermisste. Sie steckte das Buch in ihren Rucksack, warf sich die schon verlebte Lederjacke um die Schultern und schloss die Tür hinter sich.
Unten auf der Straße empfing sie der Straßenlärm, Menschen liefen zielstrebig oder ohne Vorstellung des Weges an ihr vorbei. Sie sog den Duft dieser abenteuerlichen Stadt in ihre Lungen, füllte ihren Brustkorb mit dem Flüstern des nahenden Sommers und straffte die Schultern. Gretchen entschied sich für einen kurzen Halt in Pedros Diner und lief zur nicht weit entfernten Subway-Station. Heute war ein guter Tag, das wusste sie. ..

 

 

Wer wissen möchte, wie es mit Gretchen weitergeht, der kann hier den Roman und hier das Hörbuch bestellen - es lohnt sich!


Musik lebt mich

So lange ich mich zurückerinnern kann, bewegt mich Musik. Musik lebt mich, sie weckt mich auf, hält mich fest, spornt mich an, lässt mich fliegen. Sie berührt mein Herz, sanft, fest, fordernd, tröstend. Noch nie hat etwas von meinen Augen Erfasstes solch tiefgehende Emotionen hervorgerufen, wie es die Noten von Beethovens Neunter taten, als ich sie das erste Mal in der Musikschule vorgespielt bekam. Noch nie habe ich mich freier gefühlt, als damals im Regen, während Seranis „No Games“ mir den richtigen Rhythmus vorgab. Keine Bilder, keine Worte allein konnten bisher besser ausdrücken, wie mich Liebeskummer zerreißt, vollständig verwelken lässt, als gute R’n‘B Musik der 90er. Oder Adele. Oder Gloria Estefan mit „Cuts Both Ways“ von der Kuschelrock  CD von´89. Vor einigen Tagen wurde ich an die Böhsen Onkelz erinnert, deren „Nur Die Besten Sterben Jung“ über einen Verlust eines Freundes hinweghalf. Britney, Christina, Avril Lavigne, sie alle haben irgendwie versucht, ein Bild von einem Mädchen zu kreieren, dem ich nie entsprach – und doch hat ihre Musik, haben ihre Text-Melodie-Kombinationen, dafür gesorgt, mein Ich zu reflektieren. Bin ich eine Barbie? Tanze ich auf der Unterstufenparty wie eine Latex tragende Schlammcatcherin? Oops, I Dit Again! Oder bin ich ein Sk8tergirl, He Said „See You Later, Girl“? Niemand konnte meinen Schmerz so gut herausschreien wie Chester Bennington, wenn er vom Kribbeln unter der Haut sang oder für mich das  „I won’t be ignored“ in die Welt hinausschrie. Seeed hingegen macht das eh schon Schöne noch schöner, groovt, lässt mich alle Peinlichkeit vergessen und von Dancehall Caballeros rappen. Beim Spaziergang durch den Wald lässt Johann Sebastian Bach meine Gedanken zu vorbeiziehenden Wolken werden, die mich mit dem Klang des Cellos zu tanzenden Noten und einer Welt aus Harmonie und Frieden ins Gleichgewicht bringt. Die Aufführung von Queens  „I Want To Break Free“ in Stuttgart, damals beim Wochenendtrip mit Papa, Tobi und Barbara  beim Musical, da hatte ich Tränen in den Augen und konnte gar nicht so viel und so fest klatschen wie es mein Herz doch unbedingt wollte. Musik lebt mich. Nicht ich sauge sie ein, sie durchdringt meine Zellen, explodiert, hüllt mich ein, füllt mich aus. Es war nicht der Strand, das schöne Hotel, der schöne Ausblick über die Felder an der Autobahn, sondern „Footloose“ und andere Hits der 80er, die den Roadtrip mit Mama nach Usedom zum Highlight des Urlaubs gemacht haben. Es sind gemeinsame Lieder, die Erinnerungen in mir ewig leben lassen. In Sekunden wird mein Herz von Beats, Harmonien, Vocals, besetzt. Musik übernimmt das Steuer, nicht unangenehm, nicht ohne meinen Willen. Ich überlasse es. Gebe die Kontrolle ab, lasse mich mitnehmen auf Bass-Wellen, Beat-Trips und Ton-Fontänen. Musik gibt mir Mut, Antrieb, Halt. You Are The Voice, Try And Understand It, Make A Noise And Make It Clear! Nicht zu vergessen Meat Loaf, dessen Klavierspiel von „I Would Do Anything For Love“ dafür sorgte, dass ich Instrumente erlernen wollte. Und mich bis heute daran erinnert, alles für die Liebe zu geben, bis auf das Aufgeben seiner Selbst. Welch schönen Menschen oder atemberaubenden Ausblick ich schon vor mir hatte, nichts hat mein Herz so berührt wie Musik das kann und tagtäglich tut.                                             

 

 

Wie Nietzsche schon sagte: Ohne Musik wäre das Leben ein Fehler. 


Frühlingserwachen

Es ist leise, ich überquere den Friedensplatz. Morgens um halb sechs drängen sich die letzten Halbstarken der Nacht aneinander vorbei, fliehen wie lichtscheue Ameisen vor der aufgehenden Sonne in ihre Bauten. Der Alkohol der letzten Stunden tanzt in meinem Kopf noch zu den 230bpm. Der DJ hat ein phänomenales Set gespielt, schade, dass die Party in Köln war. Bonn ist mittlerweile eingeschlafen, unattraktiv für Künstler jeden Genres. Trotzdem liebe ich es, durch die kleine Innenstadt zu schlendern, besonders um diese Uhrzeit. In diesem kleinen Zeitfenster zwischen Partyraserei und Alltagserwartungen kannst du sein, was du willst. Statt dem Chaos aus Bussen, Fahrradfahrern und unachtsamen Fußgängern am Tag herrscht hier gerade Frieden, ein frischer Wind macht den Platz bereit für das baldige Getummel . Mein Weg führt mich am Brauhaus „Bönnsch“ vorbei. Von trinkwütigen Fußballfans keine Spur mehr, alle Lichter sind ausgeschaltet. Ich blicke nach vorne auf den Schandfleck namens Stadthaus. Mein Blick wandert von der grauen Betontreppe hinauf zu der unerträglich hässlichen Fassade. Und dennoch, jetzt wo die Sonne den hellblauen Himmel mit rosanen Zuckerwattewolken betupft fühle ich mich wohl, fühle ich mich Zuhause. Oft habe ich diesen Anblick schon genossen, zu jeder Tages-und Nachtzeit stand ich schon an dieser Ampel, dieser Kreuzung. Normalerweise fahren hier die Straßenbahnen im zehn Minuten Takt entlang. Die Linie 66, ehemals Telekom Express, reiht sich auf den Gleisen ein. Jetzt ist es still. Unberührt liegt die Kreuzung vor mir und ich betrete bei Rot die Straße. „Rotgänger sind Totgänger“ tönt es in meinem Kopf. Der Alkohol bringt mich zum Lachen, ein Kindergartenspruch, den ich heute immer noch im Ohr habe. Brav schaue ich nach links, nach rechts und wieder nach links. Niemand. Nur ich. Ich schlage den Kragen meiner Jacke hoch und vergrabe die Hände in den Taschen. Der klare Himmel erweckt den Anschein von Sommer, der Wind erinnert mich daran, dass es erst Ende April ist. Mit einem andächtigen Blick zurück zur Bausünde der 70er Jahre biege ich in die Altstadt ab. Ich laufe unter dem Altstadt-Schild her, das in wenigen Stunden zum Motiv für hunderte Bilder wird, die in sämtlichen Medien, sozialen Netzwerken und Gruppenchats geteilt werden. Ich laufe zehn Schritte zurück, zücke mein Smartphone und knipse zwei Fotos von dem Schild. Die rosafarbene Blütenpracht dahinter liegt noch im Schatten des Verwaltungs-Apparates, aber bald wird die Sonne auch die Blüten in rot-goldenes Licht tunken und sie farblich dem Himmel anpassen. Ein Fahrradfahrer weicht meinem Taumel aus, betrunken den Kopf in den Nacken legen hat Nebeneffekte. Ich richte meinen Gang wieder gerade aus und lasse das Blütenmeer, welches sich wie das Dach der Sixtinischen Kapelle über mir emporhebt, auf mich wirken. Ich zwinge mich, mein Handy in der Tasche zu lassen und diesen Anblick nur mit den Augen zu genießen. Wie wunderwunderschön es hier ist. Ich setze mich auf eine der steinernen Markierungen des ehemaligen römischen Aquäduktes. Blüten werden vom Wind zu meinen Füßen in kleinen Kreisen herumgewirbelt. Die Sonne ist kurz davor, die Dächer und Baumkronen zu küssen. Ich kann nicht widerstehen und halte den Moment graphisch fest. Fühle mich fast schlecht eine Sekunde dieses Spektakels durch mein Display statt im Real Life gesehen zu haben. Die herannahende Sonne im Rücken laufe ich die Straße weiter hoch bis zur Ecke Wolfstraße. Das Chimära liegt schlafend wie das Bönnsch ein paar Meter entfernt. Ich laufe weiter, genieße den sanften Duft der Kirschblüten um mich herum. Alle erstrahlt in dieser zarten Farbe, die nur die Natur produzieren kann. Ich bleibe stehen, atme tief ein und aus. Heute wird ein warmer Tag, abends wird die Haut nach Sommer riechen. Schon die letzten Tage hat die Temperatur an der 30-Grad-Grenze gekratzt, trotz Wind in den Morgenstunden. Als geballter Energieschub hat die Sonne den Bäumen in der ganzen Stadt Leben eingehaucht. Zarte Knospen wurden binnen weniger Stunden, ja über Nacht, zu prächtigen Blütenlandschaften. Grüne, saftige Bäume reihen sich um den ebenso grünen Hofgarten. Und auch der kirschbaumgesäumte Stadtteil nördlich des Zentrums beginnt zu leben. Dieser Augenschmaus des Blütendachs und der hereinfallenden Sonnenstrahlen lockt jährlich tausende Menschen in die engen Straßen. Anwohner beschweren sich über Verkehrsbehinderungen, Lärmbelästigung, Müll und unzumutbares Digitalisieren ihres Lebensraumes. Davon merke ich nichts, wie ich die Breite Straße entlangschlendere, über die Paulstraße auf die Heerstraße gelange und an der Ecke zur Kölnstraße stehenbleibe. Von hier hat man einen grandiosen Blick auf die Sonne, wie sie Zentimeter für Zentimeter über den Häusern erklimmt. Mittlerweile taucht sie alles in strahlendes Orange und spiegelt sich in allem, was es zulässt. Ich kneife die Augen zusammen, halte dem Licht jedoch stand. Zu schön ist dieser Moment, in dem jede meiner Zellen spürt, wie der Frühling in der Stadt einkehrt. Warme Sonnenstrahlen legen sich auf mein Gesicht, ich schließe nun doch die Augen und spüre, wie auch ich zum Leben erwache an diesem Frühlingstag im April.

Et is ming Hätz, Et is ming Glück.

 

 

 

Pauline Lantermann arbeitet beim Radiosender der Universität Bonn - bonnFM. Sie hat in der Sendung "bonnFM liest" vom 9. Mai 2018 meinen Text vorgelesen. Hört oben mal rein und schaut euch die Homepage vom Campus Radio an - nicht nur gute Musik sondern auch spannende Themen gibt's auf die Ohren!

Ganz herzlichen Dank an Pauline für diese wundervolle Stimme, die meinen Worten Flügel verleiht.

 

 


Mein Drache

Wenn mich jemand fragt, was Depressionen sind, dann sage ich, dass meine ein Drache sind.
In allen Gefühlsfarben schillernde Schuppen bedecken den Körper, riesige Kulleraugen, die dich daran erinnern, dass er ein kleines Drachenbaby sein kann.
Die zackige Schwanzspitze und die messerscharfen Zähne erinnern dich daran, dass er unbändig und verletzend sein kann. Aus der schnurrenden Schnauze steigen kleine Rauchwölkchen auf, zum Feuerspucken hat er meistens keinen Grund. Aber wenn er doch einen hat, dann verbrennt er alles, was in seiner Nähe ist. Er schreit und tobt und spuckt Feuer in alle Himmelsrichtungen.
Wenn sich der Drache aufrichtet und um sich schlägt, dann brennt mein Herz. Es wird unerträglich heiß und klopft so schnell, dass ich Angst habe, es springt aus meiner Brust und läuft vor dem Drachen davon. Das würde ich nämlich am liebsten machen, wenn der Drache wütend ist. Weglaufen. Aber ich bin dann gelähmt. Kann nicht vor und nicht zurück, kann nichts sagen und nicht denken. Habe den Kopf voll mit Gedanken und schaffe es nicht, einen in Worte zu fassen. Ohnmacht nur ohne Schlafen.
Ich habe Angst.
Ein riesiger Drache steht vor mir, spuckt Feuer und schreit. Schreit mich an, schlägt um sich und überall brennt es.
Alles steht in Flammen.
Ich hab mir nicht ausgesucht, dass der Drache bei mir wohnt. Ich habe nicht um ihn gebeten. Er ist einfach irgendwann eingezogen, völlig unbemerkt. Lautlos hat er sich angeschlichen, sich sein Nest gebaut. Ohne mein Wissen hatte ich von jetzt auf gleich einen Mitbewohner, den ich nicht sehen kann.
Den niemand je zu Gesicht bekommt.
An den die meisten Menschen nicht mal glauben.
Aber er ist da. Und wenn er tobt und wütet, dann wird alles mucksmäuschenstill und gleichzeitig silvesterknallerlaut. Ich musste lernen, dass er nicht verschwindet, nur weil ich meine Augen vor ihm verschließe. Ich musste lernen, ihn zu besänftigen, obwohl ich selbst starr vor Angst bin. Ausgesucht habe ich mir das nicht. Aber wenn man sich langsam nähert und dem Drachen zeigt, dass man zuhört und und sich ihm zuwendet, dann wird er ruhiger. Dann verschwinden die lodernden Flammen und die gefletschten Zähne. Dann sieht man die Angst, die auch der Drache in seinen Augen trägt und der Drache sieht deine Angst und es entsteht ein Moment der Stille. Dein glühendes Herz findet seinen Rhythmus wieder und der Drache rollt sich zu deinen Füßen zusammen. Wenn er sich bei dir sicher fühlt, dann liegt er dort und passt auf dich auf. Solange auch du auf dich aufpasst.
Das sind meine Depressionen.

Gunnar Kaiser ist Autor, Philosoph, Blogger und Youtuber. Und Lehrer. Ich durfte im Leistungskurs am Gymnasium von ihm lernen, dass "Tauben im Gras" ganz furchtbar ist und seiner Kreativität durch Sprache Ausdruck zu verliehen befreiend sein kann. Er hat den Ursprung meines Blogs, meinen Drachen-Text, für mich aufgenommen - und mich umgehauen. Danke, danke, danke, Gunnar! Für das und noch viel mehr! 


Grau

Was ist Grau?
Schwarz?
Unendliche Dunkelheit.
Und weiß?
Gleißendes Licht.
Schwarz ist Schmerz.
Schwarz ist Einsamkeit.
Weiß ist Geborgenheit.
Weiß ist Liebe.
Und grau?
Grau ist alles.
Alles zwischen schwarz und weiß.
Grau ist mal mehr weiß.
Mehr Freude.
Mehr Umarmungen.
Mehr Liebe.
Grau ist mal mehr schwarz.
Mehr Trauer.
Mehr Furcht.
Mehr Schmerz.
Aber grau ist nie schwarz.
Oder weiß.
Grau ist das glühende Herz beim Abschied.
Aber grau ist auch die Träne bei der Verabschiedung.
Grau ist das Kribbeln beim Gedanken an die Zukunft.
Grau ist die Angst beim Blick auf das was kommt.
Grau sind die Erinnerungen an Vergangenes.
Grau ist das Gedenken der Gegangenen.
Aber grau ist nie nur schwarz.
Oder weiß.
Grau ist Variation.
Grau ist unendlich.
Du bist nie nur schwarz oder weiß.
Du bist Variation.
Du bist grau.
Du bist unendlich.


Herz

Meine Heimat ist ein Herz
Das lebt und strebt, allen Hass widerlegt
Meine Heimat ist ein Herz
Das alles nimmt und liebt, was man ihm gibt
Meine Heimat ist ein Herz
In dem mich alles versteht, zu und hinter mir steht
In dem mich nichts verdreht
Heimat heißt hier frei zu sein, leicht zu sein
Meine Heimat ist ein Herz
In dem Schmerz wie Regen verrinnt
In dem jeder Tag mit Wärme beginnt
Meine Heimat ist ein Herz
In dem Stolpern kein Halt verlieren ist
In dem Stolpern eher Tanzen ist
Meine Heimat ist ein Herz
In dem Fehler machen nicht versagen meint
Das alle Farben meines Seins vereint
Meine Heimat ist ein Herz
In dem traurig sein in Ordnung ist
Das niemals einen Wunsch vergisst
Meine Heimat ist ein Herz
In dem ich Ruhe finde selbst bei tosendem Wind
In dem ich naiv sein darf, wie ein Kind
Meine Heimat ist ein Herz
Das wie ein Löwe kämpft, verteidigt, beißt
Meine Heimat ist ein Herz
In dem Ich sein „Zuhause angekommen“ heißt


Zeit

Alles um was wir bitten ist Zeit.
Man entkommt nicht.
Man entkommt der Zeit nicht.
Depressionen kennen keine Zeit.
Depressionen sind unsichtbar.
Und doch kosten Depressionen.
Sie kosten Zeit.
Sie kennen keine Zeit und kosten sie doch.
Das sind Depressionen.
Depressionen haben kein Zeitgefühl.
Sie kommen dich holen, fangen dich ein.
Stehlen deine Zeit egal wo du bist.
Du lachst, dann schmerzt dein Herz.
Weil Depressionen immer ein Teil von dir sind.
Sie sind immer da.
Weil sie ein Teil von dir sind.
Wie wehrt man sich gegen sich selbst?
Man wehrt sich nicht gegen sich selbst.
Man arbeitet.
Jeden Tag.
Ungesehen.
Man arbeitet an sich und seinen Depressionen.
Unsichtbar.
Wie Depressionen eben so sind.
Unsichtbar.
Das kostet Zeit.
Zeit.
Sie lehrt dich das Know-How.
Aber sie schützt dich nicht.
Nicht an Tagen der Freude.
Nicht in Momenten der Liebe.
Denn Depressionen sind immer da.
Ein Teil von dir.
Unsichtbar.
Depressionen sind nicht an die Zeit gebunden.
Sie haben ihre eigene Dauer.
Sie dauern vier Tage und fünf Nächte.
Sie dauern eine Woche.
Sie dauern Jahre.
Und sie kosten Zeit.
Jeden Tag.
Unsichtbar.
Menschen mit Depressionen brauchen Zeit.
Jeden Tag.
Alles was wir brauchen ist Zeit.
Keine Tage.
Keine Wochen.
Keine Jahre.
Immer.
Alles was wir brauchen ist Zeit.
Alles um was wir bitten ist Zeit.