Freunde fürs Leben e.V.

"Jedes Jahr sterben in Deutschland knapp 10.000 Menschen durch Suizid.
600 davon sind Jugendliche und junge Erwachsene.

Freunde fürs Leben wollen das ändern.

Seit 2001 klärt der Verein Jugendliche und junge Erwachsene über die Themen Suizid (Selbstmord) und seelische Gesundheit auf. Die Gründer von Freunde fürs Leben sowie viele der ehrenamtlich Beteiligten haben selbst geliebte Menschen durch Suizid verloren. Als Kommunikations- und PR-Experten haben sie es sich zur Aufgabe gemacht, über die Tabu-Themen Depressionen und Suizid in der Öffentlichkeit aufzuklären."

Als Betroffene schätze ich die Arbeit des FRND e.V. sehr und war von Anfang an begeistert, einen Gastbeitrag für sie schreiben zu dürfen. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold wurde im Januar 2020 auf ihrer Homepage veröffentlicht. Viel Spaß beim Lesen! 


Mein Blog hatte wieder Geburtstag! Zwei Jahre ist er nun alt und hier gibt es den Ursprungstext als Video:


One more light

 

Am 20. Juli 2017 gegen 22:30 saß ich in der U-Bahn. Ich kam aus dem G.O.P Varieté-Theater und sprach mit meiner Begleitung noch über den grandiosen Abend.Wir hatten so viel Spaß, unglaubliche Akrobatik gesehen und in fesselndem Ambiente die Welt außerhalb des Theaters vergessen. In warmer Sommerluft waren wir zur Bahnstation spaziert, ließen die Realität Stück für Stück zurück in unsere Köpfe. Unsere Herzen wehrten sich noch ein wenig. Zu schön waren die letzten zwei Stunden. In einer Gesprächspause nahm ich mein Telefon aus der Tasche. Der Finger-Tipp auf die Facebook-App erfolgte automatisch. Smombie. Und die erste Meldung, die ich las, war eine Eilmeldung. Chester Bennington, der Leadsänger der Band Linkin Park, war gestorben. Gerüchten zu Folge hatte er sich das Leben selbst genommen. Suizid. Mein Herz setzte in der Sekunde, in der ich diese Worte las, aus. Ich spürte es. Wer Linkin Park kennt und mag weiß, dass Chester Bennington etwas kann, was sehr selten ist: Genau das Gefühl in Worte fassen, was sich so schwer beschreiben lässt. Das Gefühl, was man hat, wenn ein Drache bei einem wohnt. Die unendliche Dunkelheit der Depression. Es war kein Geheimnis, dass der 41-Jährige seit Jahren mit psychischen Krankheiten zu kämpfen hatte. Und er verlor. Der Drache, diese verfickte Krankheit, hatte ihn zu sich in das dunkelste Loch gezerrt und ihm alle Hoffnung auf Licht, auf Frieden in sich, genommen. Chester Bennington war nicht der erste Mensch, der diesen Weg wählte und ich bin von ihm privat wohl so weit entfernt wie die Erde vom Mond, aber die Meldung traf mich mitten ins Herz. Tränen sammelten sich in meinen Augen, mein Atem ging nur noch schwer. Ein Felsbrocken lag auf meiner Brust und meine Gedanken rasten. Bitte, bitte nicht. Ich suchte im Internet nach anderen Quellen. Das WWW explodierte vor Schlagzeilen. So eine verfickte Scheiße. Ich brauchte ihn doch. Ich egoistisches Stück brauche diesen Kerl, der seine Seele herausschreien und mir das Gefühl geben kann, dass ich nicht alleine bin. Dass das Kribbeln unter meiner Haut nicht eingebildet ist, sondern andere es auch spüren. Wie egoistisch, Frau Pinkman. Aber deswegen traf mich dieser Suizid so schmerzhaft. Weil Linkin Park, insbesondere der Frontmann, mir in schwierigen Zeiten mit ihrer Musik Halt gaben. Heute noch geben. Ihr Album „Hybrid Theory“ ist immer noch in meiner Spotify-Liste. Und wird auch niemals verschwinden.

When my time comes

Forget the wrong that I've done

Help me leave behind some

Reasons to be missed

Für mich, einen galaxienweit entfernten Fan, bleibt die Musik für immer. Und ich bin der festen Überzeugung, dass neben seiner Musik noch unzählige andere Dinge dafür sorgen, dass seine Liebsten ihn für immer lieben und vermissen. Einige Zeit nach seinem Tod wurde ein Video veröffentlicht, das ihn bei einer Rundfahrt bei „Carpool Karaoke“ zeigt. Diese Episode wurde am 14. Juli, also sechs Tage vor Chesters Selbstmord gedreht. Es zeigt den Sänger lachend, zu Outcast ausgelassen singend. Die alten Hits werden gespielt und aus vollem Halse mitgegröhlt. Der Moderator, Ken Jeong, ist unter anderem Comedian und es scheint, als hätten Chester, Mike und Joe einen ihrer lustigsten Tage ihres Lebens. Und nur sechs Tage danach, nachdem Chester Bennington mit seinen Bandkollegen und Ken Jeong am Straßenrand tanzte und in einem Karaoke-Bus „Sweet Home Alabama“ trällerte, nahm er sich das Leben. Er entschied, dass das zerfressende Schwarz in seiner Seele nicht mehr zu bändigen war. Wer weiß schon, ob es seine unsterblichen Überreste, falls es sie gibt, nun bereuen. Ob er in ein paar Jahren hätte sagen können „damals ging es mir sehr schlecht, ich bin aber froh, dass ich weitergekämpft habe.“ Es ist vorbei. Der Drache hat gewonnen. Nicht mal eine ganze Woche liegt zwischen ehrlichem Lachen, Fröhlichkeit, und der Entscheidung, sein Leben zu beenden. Und genau das sind Depressionen. Hinterlistig können sie dich vom einen auf den anderen Moment einfangen und um den Verstand bringen.

Ich möchte den heutigen Tag zum Anlass nehmen, erneut darauf aufmerksam zu machen, wie furchtbar und gefährlich psychische Krankheiten sind. Und wie wichtig es ist, dass wir alle endlich offen darüber sprechen, uns nicht mehr schämen und vor allem: den Mut haben, uns Hilfe zu suchen. Bitte lass dir helfen, wenn du schlimme Gedanken und / oder Angst hast. Es gibt einen Ausweg aus der Dunkelheit. Du kannst ihn nicht sehen, aber er ist da. Der Drache versperrt dir die Sicht aber es gibt Menschen, die dir helfen, den Weg hinaus zu finden.

Wende dich bitte an jemanden, bevor du eine Entscheidung triffst, die nicht die deine ist sondern von einer Krankheit bestimmt wird, die man behandeln kann. Du bist nicht verrückt, du bist nicht allein.

0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 sind Telefonnummern, die man 24 Stunden am Tag anrufen kann, um sich Hilfe bei seelischen Problemen zu holen.

Auf www.telefonseelsorge.de gibt es auch Chat- und E-Mail-Möglichkeiten, falls du nicht telefonieren möchtest.

Wenn du kannst, sprich bitte mit einer vertrauten Person. Es gibt immer Menschen in deiner Nähe, die mehr verstehen als du glaubst. Und die dir Halt geben können, wenn du ihn brauchst. Du bist nicht allein!

If they say

Who cares if one more light goes out?

In a sky of a million stars

It flickers, flickers

Who cares when someone's time runs out?

If a moment is all we are

We're quicker, quicker

Who cares if one more light goes out?

Well I do

 


Kiki.

Das bin ich.

Ich führe ein Leben als Studentin im Rheinland und mag Sprache, Worte und Schreiben. 

Außerdem habe ich seit über sieben Jahren einen Drachen als Mitbewohner, der mir mein Leben unnötig schwer macht. Mehr über den Drachenkampf findet ihr hier.

Viel Spaß beim Stöbern!