Mein Drache

Wenn mich jemand fragt, was Depressionen sind, dann sage ich, dass meine ein Drache sind.
In allen Gefühlsfarben schillernde Schuppen bedecken den Körper, riesige Kulleraugen, die dich daran erinnern, dass er ein kleines Drachenbaby sein kann.
Die zackige Schwanzspitze und die messerscharfen Zähne erinnern dich daran, dass er unbändig und verletzend sein kann. Aus der schnurrenden Schnauze steigen kleine Rauchwölkchen auf, zum Feuerspucken hat er meistens keinen Grund. Aber wenn er doch einen hat, dann verbrennt er alles, was in seiner Nähe ist. Er schreit und tobt und spuckt Feuer in alle Himmelsrichtungen.
Wenn sich der Drache aufrichtet und um sich schlägt, dann brennt mein Herz. Es wird unerträglich heiß und klopft so schnell, dass ich Angst habe, es springt aus meiner Brust und läuft vor dem Drachen davon. Das würde ich nämlich am liebsten machen, wenn der Drache wütend ist. Weglaufen. Aber ich bin dann gelähmt. Kann nicht vor und nicht zurück, kann nichts sagen und nicht denken. Habe den Kopf voll mit Gedanken und schaffe es nicht, einen in Worte zu fassen. Ohnmacht nur ohne Schlafen.
Ich habe Angst.
Ein riesiger Drache steht vor mir, spuckt Feuer und schreit. Schreit mich an, schlägt um sich und überall brennt es.
Alles steht in Flammen.
Ich hab mir nicht ausgesucht, dass der Drache bei mir wohnt. Ich habe nicht um ihn gebeten. Er ist einfach irgend wann eingezogen, völlig unbemerkt. Lautlos hat er sich angeschlichen, sich sein Nest gebaut. Ohne mein Wissen hatte ich von jetzt auf gleich einen Mitbewohner, den ich nicht sehen kann.
Den niemand je zu Gesicht bekommt.
An den die meisten Menschen nicht mal glauben.
Aber er ist da. Und wenn er tobt und wütet, dann wird alles mucksmäuschenstill und gleichzeitig silvesterknallerlaut. Ich musste lernen, dass er nicht verschwindet, nur weil ich meine Augen vor ihm verschließe. Ich musste lernen, ihn zu besänftigen, obwohl ich selbst starr vor Angst bin. Ausgesucht habe ich mir das nicht. Aber wenn man sich langsam nähert und dem Drachen zeigt, dass man zuhört und und sich ihm zuwendet, dann wird er ruhiger. Dann verschwinden die lodernden Flammen und die gefletschten Zähne. Dann sieht man die Angst, die auch der Drache in seinen Augen trägt und der Drache sieht deine Angst und es entsteht ein Moment der Stille. Dein glühendes Herz findet seinen Rhythmus wieder und der Drache rollt sich zu deinen Füßen zusammen. Wenn er sich bei dir sicher fühlt, dann liegt er dort und passt auf dich auf. Solange auch du auf dich aufpasst.
Das sind meine Depressionen.

Die wundervolle Katha hat mich und meinen Drachen illustriert ♥
Die wundervolle Katha hat mich und meinen Drachen illustriert ♥

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