Die Regression zur Mitte

Bis wann sagt man eigentlich noch „Frohes Neues!“? Bis zum 10.01.? Frohes Neues!

Ich habe 2020 mit Therapie begonnen. Mit meiner letzten Therapiestunde genauer gesagt. Zumindest „für diese Runde“, wie Mr. H. so schön sprach. Was mache ich bloß mal ohne ihn? Heiliger Bimbam, don’t open THAT door.. In dieser letzten Sitzung meiner sicherlich nicht letzten Runde Therapie saßen wir uns altbekannt gegenüber und er erklärte mir einen Begriff der Statistik. Die Regression zur Mitte. Laienhaft ausgedrückt beschreibt dieser Begriff das Phänomen, dass nach einem Extrem, egal ob es nun gut oder schlecht bezeichnet wird, die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass die Messwerte (Zeit, Gefühle, (Miss-)Erfolge, Gelderträge) wieder ab- bzw. zunehmen.
Ein Beispiel gefällig?
Ich habe die wohl besten drei Wochen am Stück meines Lebens hinter mir. Ein richtiges High. Extrem viel Liebe, extrem viel Erleben, extrem viel Lachen, extrem gutes Essen, extrem viel Leichtigkeit.
Und dann waren diese drei Wochen vorbei und ich saß Zuhause und war leer und allein und dachte „das war’s wohl. Bye bye, schöne Zeit. Wirsing!“ Ich spürte, wie ich diese Zeit nicht gehen lassen wollte und meine Angst, vor einer schlechten Zeit, die mich wieder zu Boden reißt, in der mein Drache brüllt und um sich schlägt und durchdreht, die wuchs rasant zu einem Angstgolem, der mein Herz einfror. Durchatmen. Klarkommen. Ist es nicht ganz normal, dass nach einer superguten Zeit eine eben nicht so supergute Zeit kommt? Heißt das, dass ganz furchtbarschlechte Zeiten folgen müssen? Die Regression zur Mitte heißt so, weil sich die Messwerte der MITTE annähern, nicht dem anderen Extrem. Sonst wäre es ja die Regression zum anderen Extrem. Wieder was gelernt. Im Prinzip ist es das Hell-/Dunkel-Zeug, ohne Schattenseite auch kein Sonnentanz im Leben, jaja, Plattitüden über Plattitüden. Aber irgendwie gibt mir das Prinzip der Regression zur Mitte mehr. Denn es basiert auf dem Zufall. Und ich mag den Zufall. Meistens zumindest. Denn der Zufall nimmt mir den Druck. Ich kann nicht alles kontrollieren, ES GEHT EINFACH NICHT, und deswegen muss ich mich auch nicht so unfassbar darum bemühen. Und weil ich vieles nicht beeinflussen kann, kann nach einem superguten High auch eine weniger extreme Zeit kommen, Regression zur Mitte kann ja auch Alltagsstabilität bedeuten. Seine Mitte finden ist ja eh nicht das Schlechteste. Und wenn man sie gefunden hat, dann kommt man gerne zu ihr zurück. Mitte ist echt ok.

Mr. H. hat mich gefragt, wie viel meines momentanen Glückszustandes von der Regression zur Mitte kommt. Denn ich saß ja dort bei ihm, weil ich eine nicht so schöne Zeit hinter mir habe und ich die letzten Monate mit viel Geschrei und Gezeter meines Drachens zurechtkommen musste.
Dass mir die Antwort auf die Frage nicht schwer viel und wie diese Antwort lautete macht mich zusätzlich richtig glücklich: 20% Regression zur Mitte – 80% Eigenleistung. Denn dass es mir am 8. Tag des neuen Jahres so gut ging (und es mir heute auch noch so geht – yay), zeigt, dass ich viel für mich selbst getan habe. Denn das extreme Low, das hinter mir liegt, das lässt sich nicht aus Zufall überstehen. Einen emotionalen Verkehrsunfall wird man nicht mit bloßem Abwarten vergessen. Das Herz findet nicht von allein all die verstreuten Teile wieder, der Drache hört nicht von alleine auf, Feuer zu spucken, dich nieder zu boxen und auf dir rum zu trampeln. Dass dieses Heulsusenriesenbaby gebändigt wurde ist meine Eigenleistung. Und nicht das ist das, was mich stolz macht, sondern dass ich das anerkenne. Dass ich es mir selbst auf die Fahne schreibe und stolz bin ist der Erfolg daran.
Und wer hilft mir, diese Fahne zu hissen? Natürlich, meine Liebsten. Die Menschen, die daran beteiligt waren, dass ich meine Wunden versorgen konnte. Die mich den Drachen schreien ließen, während ich tanzte und gute Musik das Schluchzen übertönte. Wenigstens ab und zu. Und die mich in den Arm nahmen, mir Halt gaben und mich spüren ließen, wie gern sie mich um sich haben. Aber vor allem haben sie mir den Spiegel vorgehalten. Nicht böswillig, nicht einmal absichtlich. Aber wenn mir die Menschen um mich herum sagen, dass sie vor allem an mir schätzen, mich als Gesprächspartnerin für wirklich jedes Thema zu haben und sie sich bei mir komplett freimachen können von Scham und Zurückhaltung, dann muss ich doch ein Wenig schmunzeln. Denn wenn mein Drache eines kann, dann ist es, mir Scham aufzuzwängen. Wegen mir, wegen meinen Gefühlen und meinen Bedürfnissen. Aber wenn ich bei anderen so urteilsfrei sein kann, wenn ich bei anderen das Gefühl von „es ist okay so zu sein, wie du bist“ auslöse, dann, Entschuldigung! Verfickte Scheiße, kann ich das ja wohl auch bei mir?!  Also habe ich dem Echsenmitbewohner diese Erkenntnis vorgehalten und siehe da, er ist ganz verdutzt, kratzt sich am Kopf und schnaubt nur noch halb so große Flammen aus der heruntergefallenen Kinnlade. Micdrop.

 

Dass ich nicht mehr streng sein muss ist mir schon seit Jahren bekannt, keine neuen News, klar. Aber irgendwie haben mir diese liebeerfüllten Wochen so unheimlich viel gegeben, das ich dafür nutzen konnte, meinen Drachen zu besänftigen und ihm das mal ganz deutlich vor Augen zu führen. Ich habe ihm eine Wärmflasche gemacht und ihm ein Bisschen den Bauch gekrault. Ich weiß ja, Kleiner, du hast nur Schiss. Aber schau mal wie gut die uns alle finden. Sogar nach all diesen Entscheidungen, die unser Leben so chaotisch gemacht haben. Sogar nach erneutem Rückzug, Uneinigkeiten, Unterschieden und manchmal wenig Kontakt.
Fairerweise muss ich also zugeben, dass die 80% Eigenleistung zu 100% Teamwork sind - und dafür kann ich nur Danke sagen. Ich bin unfassbar dankbar, für mein Leben, meine Familie, meine Freunde, meine Möglichkeiten. Und diese Dankbarkeit gibt mir Sicherheit, sie ist real, und das wiederum beruhigt die nöhlige Echse. Ich glaube, mittlerweile ist sie sogar eingeschlafen. Sie liegt gerade zusammengerollt da und hält endlich mal die Klappe. 

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