Nächster Halt: Einsamkeit.

Schon einige Zeit begleitete mich ein schwarzer Fleck in mir.
Ich spüre, wenn der Drache einen Plan ausheckt, diesmal fühlte es sich ähnlich an. Er lief nervös auf und ab, grummelte und murmelte, spuckte ab und zu kleine Flammen und stampfte auch schon mal heftig mit den riesigen Füßen über mein Herz. Und nach einer sehr kurzen Nacht auf Grund von schlechten Träumen rastete er aus. Ich durfte mich einige Zeit mit dem Badezimmerporzellan unterhalten, den Rest des Tages gab es Kamillentee. Im Bad, da legte sich ein warmer Umhang um mich, er fühlte sich vertraut an, schwer und nicht gut aber doch bekannt und deswegen nicht bedrohlich.
Der Appetit ist mir schon vor Wochen vergangen, ich nehme es dem Drachen nicht übel, die Lage verbessert sich ja auch nicht. Sein explosiver Ausraster hätte zwar nicht sein müssen, aber okay, irgendwie konnte ich auch den schnell verzeihen, müde arbeitet es sich nicht gut, essentieller Interessenskonflikt bei der Work-Life-Balance, momentan einfach zu viel für uns, akzeptiert. Also dachte ich, vielleicht ist das jetzt einige Zeit wieder Alltag, die Übelkeit ist zurück, vielleicht auch das Übergeben. Welcome home.
Nicht ganz, Frau Superschlau…

 

Auch nach fast neun Jahren kenne ich noch nicht alle Ecken meiner Gefühlskiste, ein Wenig wurmt mich das ja schon. Da arbeitet man so hart, erzählt völlig Fremden seine intimsten Gedanken und Bedürfnisse und dann kommt man trotzdem nicht hinter alle Facetten. Vielleicht kann ich aber auch einfach froh sein, dass ich dieses neue Gefühl erst nach dem ersten Drittel meines Lebens kennenlernen durfte, wer weiß, wohin es mich sonst gebracht hätte.
Und trotz all meiner tollen Erkenntnisse der letzten Jahre habe ich den Fehler gemacht, etwas zu suchen, das ich gar nicht auf die Art und Weise finden kann, auf die ich es gern hätte. Tja, Kiki. Wäre der Drache nicht so abgelenkt von dem neuen Spielzeug, das er da in der Kiste gefunden hat, in die du deine Gefühle packst, dann würde er sicherlich schon ein Inferno veranstalten und dir dein Versagen vorhalten.
Fairerweise wusste ich nicht die ganze Zeit Bescheid, wie gesagt, ist ja auch etwas neues, und seitdem ich Bescheid weiß, bemühe ich mich um Ehrlichkeit. Wie jetzt. Das hier zu tippen fällt mir nicht so leicht, schäme ich mich doch sehr für mein egoistisches Denken und die eigennützigen Wünsche. Aber was soll ich machen, wehren kann ich mich nicht und das ist sicher nicht die dunkelste Ecke, in die ich euch die letzten drei Jahre mitgenommen habe.

 

Ich sitze draußen, der Drache sitzt neben mir, aus seinen Nasenlöchern steigen kleine Rauchschwaden auf. „Was ist?“ frage ich müde. Er schweigt.
Schon seit Tagen gibt er mir keine Antworten auf meine Fragen. Was bedrückt dich? Wieso schmollst du? Wieso schlägst du mir ins Gesicht? Was hab ich getan? Nichts. Keine Erklärung. Nur zickiges Verhalten und Rumgeschnaufe.
Ich ziehe an der Zigarette, mein Handy spielt das selbe Lied zum zehnten Mal und ich schließe die Augen. Atme tief ein. Und aus. Mein Herz zwickt.
Ich bin einsam.
Es hat etwas gebraucht, aber ich weiß es jetzt: ich bin einsam, denn mir fehlt Intimität.
Ich bin nicht allein, nicht verwechseln. Ich hab mich schon oft allein gefühlt, fairerweise muss ich aber hervorheben, dass der Drache meist derjenige ist, der mir diesen Gedanken in den Kopf und ins Herz pflanzt. Denn ich bin nie allein. Ich habe so unfassbar viele tolle Menschen um mich herum, die mir auch ohne mein Zutun ihre Liebe schenken, es wäre wie Verrat an ihnen, wenn ich diesen Gedanken je ernsthaft zulassen würde.
Aber jetzt geht es um Einsamkeit, weil Nähe fehlt. Und das zuzugeben ist wie eine Schmach, denn gerade ich bin doch unentwegt so bedürftig nach Autonomie. Ich hasse Menschen. Ich gab sogar eine wundervolle Partnerschaft auf, um allein zu sein. Aber ehrlich gesagt überfordert es mich etwas, dass ich gänzlich auf Intimität verzichten muss. Vertrautheit, Zuneigung, Begegnungen auf mehr als nur einer oberflächlichen Ebene, machen für mich einen Großteil des Lebens aus. Ich brauche keine Beschäftigung, ich suche keine neue Partnerschaft, ich war die letzten Woche drauf und dran neue Menschen kennenzulernen, weil es mir fehlt, mich fallen zu lassen und jemanden aufzufangen. Die ehrlichste Form von zwischenmenschlichem Zusammensein fehlt mir so sehr, dass ich nicht mal mehr aus meinem Ich-Hasse-Menschen-Becher trinken kann. Ich hasse gerade keine Menschen. Ihre Dummheit, ihren Egoismus, klar. Aber ich hasse Menschen nicht. Ich vermisse sie. Ich vermisse die Möglichkeit, Menschen einfach so in einer ungezwungenen Umgebung kennenzulernen und zu spüren, ob da diese Vibes sind, die einen mal eine kurze, mal eine längere Zeit mitnehmen und bereichern.

Ich seufze, Einsamkeit also. Etwas neues. War ich sicherlich schon, aber dieses Gefühl war bisher immer gut versteckt in der Kiste. Jetzt liegt es vor uns, mir und dem Drachen. Nackt und offen. Ich will mich nicht bewegen, der Drache bleibt auch stumm.
Es ist die Erkenntnis, dass ich nichts an meiner Einsamkeit ändern kann, die mich lähmt. Denn für immer werde ich nicht einsam sein, das weiß ich. Aber jetzt gerade kann mir niemand das Gefühl nehmen. Intimität und Nähe übersteigt Freundschaft oft und ist sicher nicht bei Dates zu finden, die durch Swipen bei Datingapps entstanden sind. Kann natürlich passieren, aber wie stehen die Chancen dafür? Und wie viel Druck macht man seinem Gegenüber, wenn man von jetzt auf gleich Nähe und Intimität erwartet und fordert. Bei einem Tinder-Date..?!
Ich schaue auf den Drachen, wie er da so hockt, die Schultern hängen lässt und die Einsamkeit zu seinen Füßen ratlos betrachtet. Deswegen ist er so still; er weiß nicht damit umzugehen. Meine Einsamkeit ist nicht laut wie sich zeigt. Sie äußert sich in einer recht antisozialen Haltung, mein Dauerzustand ist müde und freudlos. Eine leichte depressive Episode, dafür brauche ich nicht mal Mr. H. Nicht besorgniserregend, ich weiß, dass ich nicht für immer einsam sein werde, aber es betrübt mich doch sehr, dass ich den Verzicht nun aushalten muss. Was für ein Chaos entstünde wohl, wenn ich mir Intimität einfach bei jemandem holen würde und sobald ich genug habe die Biege mache? Nicht gut. Absolut nicht gut. Und mit offenen Karten spielen? Intime Beziehung mit Stechuhrprinzip? Find mal sowas. Und behalt das dann.

 

Würde ich jetzt bei Mr. H. sitzen, wäre ich mit Sicherheit genervt. Denn er würde mir mal wieder sagen, dass ich nicht alles haben kann, was ich mir wünsche. Und ich wüsste, dass er Recht hat und doch würde ich meinem Unmut über meine Situation Luft machen. „Denken Sie, Sie können etwas erzwingen?“ fragt er dann. „Sie wissen, wie ich stark ich bin“ antworte ich immer und er schmunzelt jedes Mal. „Das weiß ich.“

 

Ein Freund hat mir vor Jahren mal von Kuschelparties erzählt. Oh, wie groß war mein Hohn, konnte ich mir doch in meinem überheblichen Kopf nicht vorstellen, dass ich jemals eine Verabredung mit Anmeldung zu einer Veranstaltung brauche, die mir körperliche Nähe mit anderen zusichert. Und hier steht kein sexueller Aspekt im Vordergrund, ich möchte das betonen, so wie mein Freund. Ich habe mich wirklich gefragt, wieso er nicht einfach an einem Wochenende mit seinen Kumpels rausgeht und eine nette Frau kennenlernt. Vielleicht trifft er eine Frau, die auch in diesem Augenblick Nähe sucht und sie können Zeit miteinander verbringen, eine Nacht, eine Woche, ein Jahr, whatever. So würde ich es machen, dachte ich damals in Köln, als wir die Rheinpromenade entlangliefen. Rausgehen, Menschen kennenlernen, in einer Bar, im Kiosk, in einem Club. Super easy.
Das ist meine Art, Menschen kennenzulernen, um Nähe aufzubauen, so fühle ich mich dabei wohl. Und das geht nun nicht. Die Kuschelparties werden angesichts der Pandemieausbreitung wohl nicht stattfinden, verstehen, dass man so etwas braucht, kann ich mittlerweile trotzdem recht gut.
Ich vermisse Nähe.
 

 

So sitzen der Drache und ich schweigend hier, schauen beide auf das zusammengekrümmte Gefühl der Einsamkeit zu unseren Füßen und fühlen uns alles andere als bereit, damit umzugehen.
Wir wissen nicht genau, was sie mit uns macht, außer dass wir maßlos müde sind. Und gegen jede Form der Interaktion mit anderen ankämpfen, weil sie uns so viel Kraft kostet. Lächerlich, dass man es uns nicht recht machen kann. Aber wir vermissen Intimität gerade so sehr, dass alles andere mehr auslaugt als zu stärken. Nähe ist schwer auszuhalten, wenn sie nicht die Nähe ist, die wir so schmerzlich vermissen. Und gerade ich, die Weltmeisterin im Gönnen, erträgt anderer Leute Glück über geteilte Intimität überhaupt nicht. Normalerweise würde der Drache diese Gelegenheit nutzen und mir vorwerfen, wie anstrengend das Leben mit mir ist und er die Schnauze voll hat von meinen Bedürfnissen, die das Maß an Normalem übersteigen. Aber er ist still. Auch er ist einsam. Na, sieh mal einer an. Es gibt also tatsächlich ein Gefühl in diesem Universum, das nicht nur mich sondern auch die elende Echse niederdrückt und das sie nicht zu einem Feuerball aus Selbsthass und Ängsten formen und gegen mich verwenden kann. Wir sind gemeinsam einsam.
Ein kitschiger Instagram-Comic würde jetzt sicherlich mit einem tollen Motivationsspruch enden. „Wir können unsere Dämonen nicht besiegen, also müssen wir mit ihnen leben.“ Ich kotz im Strahl. Das Arschloch macht mir normalerweise mein Leben zur Hölle, er ernährt sich von meinen Ängsten und haut mir immer wieder Verluste und Entscheidungen um die Ohren, die ich im Leben tragen musste. Also bitte, kein Mitleid mit dem traurigen Biest, Kiki. Ich bin echt viel zu empathisch, wenn ich überhaupt darüber nachdenken sollte, uns als Team in dieser Situation zu sehen. Der Drache neben mir lacht, er kennt meine Gedanken. Sind ja auch seine. Um der grotesken Situation die Krönung zu verpassen, legt er seine Pranke auf die Bank neben mir und öffnet sie. Er lädt mich ein, meine Hand in seine zu legen. Ich will gar nicht wissen, was mit mir passiert, würde ich es tun. Unsere Blicke treffen sich, ich sehe das Blitzen in seinen endlos schwarzen Augen, trau dich, denkt er. Ich senke meine Hand, langsam, sehr langsam. Kurz bevor sich seine ledrige Schuppenhülle und meine Haut berühren ziehe ich sie weg und greife nach dem Feuerzeug zwischen uns. „Hätteste wohl gern“ lache ich bitter. Auch er lacht. Wenigstens bleibt unser Humor unschlagbar.

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