Wie gut darf ich eigentlich aussehen, wenn es mir scheiße geht?

 

Ich stehe vor dem Spiegel im Flur, streiche das Schlafanzugoberteil zur Seite und betrachte meine Haut. Viele Stunden lag ich in der Sonne, gut eingecremt selbstredend, und habe das Melanin bei seiner Arbeit beobachtet. Nach käsigen Monaten erstrahlt mein Teint nun endlich in einer gesunden Farbe, kleine Sommersprossen und Muttermale sorgen für ein abwechslungsreiches Spektrum der Farbe Braun. Ich sehe gesünder aus. 

“Herrlich, wenn du so gut aussiehst” flüstert er in mein Ohr. “Dann sieht niemand, wie viel Spaß wir miteinander haben.” Ein Schauer läuft mir den Rücken runter.  

Das gute Gefühl, das mir mein frisches Aussehen gerade noch bescherte, wird zu einem Knoten im Bauch. Scheiße.  

 

Ich liebe den Sommer. 

Die Vibes, die lauen Abende, Partys unter freiem Himmel, endlose Gespräche in Biergärten, keine Kilos von Klamotten, die man mit sich und an sich herumträgt, und keine kalten Füße, wenn die Schuhe das Outfit chic statt praktisch machen sollen. 

Aber ganz ehrlich, die warmen Monate sind häufig schwerer zu ertragen, als die dunklen, nass-kalten. Ich spreche hier für mich ganz persönlich, nicht für alle oder irgendjemanden, aber mir fällt es noch viel schwerer zu akzeptieren, dass der Drache in mir wohnt, wenn um mich herum strahlende Gesichter, Sonnenschein und Lebensfreude tanzen. 

Ich liebe es. Aber es ist schwer auszuhalten.  

 

Ein paar Tage Sonnenschein haben mein Zuhause am Rhein in ein Wimmelbild aus kurzen Klamotten, Badeutensilien und Eisbechern gemacht. Mein Plan war, nach der Arbeit in bequeme Shorts zu schlüpfen und mich mit einem guten Buch der Abendsonne hinzugeben, rein chemisch betrachtet bringt Vitamin D meinen Drachen zumindest kurzweilig in eine Art Nebeltrance und ich erhoffte mir einfach einen weiteren Erfolg in der Disziplin ‘Ruhe finden’ durch gelebte Achtsamkeit. 

Nur.. mir geht es richtig beschissen. Nicht erst seit gestern, nicht erst seit einer Woche, dieses Gefühl, gefangen im Leben zu sein, weil die Fortschritte durch die Umstände ausgebremst werden, ist nicht verschwunden, es wächst seit einigen Monaten stetig weiter. Und selbst ich habe das etwas vergessen. Denn dieser Feuerball am Himmel erstrahlt und es fühlt sich so an, als könnte das Licht alle Schatten aus dem Herz verbannen und man fühlt sich allein ein klitzekleines bisschen dadurch befreit, dass man sich gen Sonne richtet und alle Zellen zur Aufnahme bereit macht.  

Aber Depressionen scheißen unterm Strich auf die Sonne.  

Natürlich hilft Sonnenlicht, die Wirksamkeit von Tageslichtlampen zur Stimmungsaufhellung ist erwiesen, und auch mir geht es im Licht allgemein besser als im Dunkeln.  

Sonnenlicht zaubert leider keine Sorgen weg. Es radiert keine Ungewissheit aus, heilt keine gebrochenen Herzen und nimmt dir nicht die Angst, welches Gesicht diese auch immer trägt. 

 

Bitte versteht mich jetzt nicht falsch... Ich liebe diese Nachrichten, die mich erreichen, wenn die Sonne scheint, á la “Kiki, die Sonne scheint, ich hoffe du hast gute Laune und genießt sie” oder “Sun is shining, lass die Seele baumeln!”. Ich weiß, dass es ein Ausdruck der Liebe ist, des an-mich-Denkens, ich will keine Nachricht davon missen. Aber es fällt mir so schwer darauf zu antworten, denn im Endeffekt wäre ich bei einer ehrlichen Antwort die Miesmacherin.  

Weil nein, ich kann die Sonne nicht wirklich genießen. Stille um mich herum bedeutet Luft und Raum für meine Gedanken und die sind leider immer noch gesteuert von dem Drachen, der mein gehetztes Herz in den Klauen hält und riesige Flammen aus Angst und Hass spuckt.  

Ich liege nicht in der Sonne und genieße weiße Wolken aus Nichts in meinem Kopf, meine Seele baumelt nicht einfach, sie hängt kopfüber von den Trümmern, die der Drache hinterlässt, während er seine Wut an mir auslässt.  

Ich wäre gerne arbeiten gegangen, hätte mich gern abgelenkt von all der Trauer und der Wut und der Angst, die mich begleiten, mich einnehmen und mir das Atmen so schwer machen. 

Aber das Fass ist übergelaufen, ich war nicht in der Lage, den Drachen aufzuhalten, es war einfach zu viel. Und statt mich im Büro abzulenken habe ich meine Sachen gepackt, bin in die Sonne gefahren und hab mir gedacht, wenn ich mich nun mit dem Drachen auseinandersetzen muss, alles spüren und fühlen und registrieren muss, was in mir los ist, dann werde ich zumindest dabei braun... 

 

Ich schüttele den Schauer weg, und tausche den Schlafanzug nach einer kurzen Duscheinheit gegen luftige Sommersachen. Vor kurzem durfte ich mich an nicht mehr gewollten Anziehsachen einer Freundin bedienen und freue mich etwas, sie nun auszuführen. (Die Klamotten, nicht die Freundin.) 

Ich überlege, ob ich mich schminken soll, wenn ich aus dem Haus gehe. 

Ein bisschen Make-Up wirkt oft Wunder, Kenner:innen wissen, was ich meine. 

Für mich ist es ein gutes Zeichen, wenn ich genügend Selbstbewusstsein in mir trage, um ungeschminkt aus dem Haus zu gehen. Dann fühle ich mich wohl in meiner Haut, strahle es richtig aus, dass selbst mein matschiges Face das nicht trüben kann, und gebe sehr wenig darauf, was andere wohl von mir denken.  

Wenn ich mich aber die meiste Zeit auf dem Schlachtfeld mit dem Drachen befinde, liegt die Latte auf meiner Selbstwertskala verständlicherweise nicht allzu hoch, wenn er dann auch noch mehr Runden für sich entscheidet, als ich Siege verbuche, könnte nicht mal eine Ameise unter der Latte Limbo tanzen. Also sind kleine Tricks hilfreich, wie sich zum Beispiel ein wenig herauszuputzen, für sich selbst aber eben auch für andere, ich spreche mich hier gar nicht frei vom Bedürfnis, auf andere positiv zu wirken. Und die Wahrscheinlichkeit, auf sein Wohlbefinden angesprochen zu werden, wenn man aussieht, als hätte man gerade drei Tage durchgefeiert, ist viel höher, als bei einem freshen Auftritt. Manchmal möchte man sich nicht erklären, da ist ein geschminktes Pokerface von Vorteil.  

 

Obwohl ich seit so vielen Jahren sehr offen mit meiner Erkrankung und ihren Symptomen umgehe fällt es vielen schwer, wenn meine Antwort “nicht gut” auf ihre Smalltalkfrage “wie geht’s dir?” lautet. Denn das Beschissene anzusprechen schickt sich nicht, jaja, unangenehm, ich verstehe das. Man weiß ja auch nicht so recht, was man dann sagen soll. Und weil ich andere so lange vor diesem unangenehmen Gefühl schützen wollten, habe ich immer gelogen. Ich habe gesagt, es ginge mir gut und mein Inneres stimme mit meinem Äußeren überein, und damit habe ich dem Drachen wahrscheinlich den roten Teppich ausgelegt, als er dann vor meiner Tür stand, bereit, das turbulente WG-Leben mit mir zu starten. Heutzutage ist das keine gern genommene Option mehr von mir. Ich sage nicht gerne, dass es mir gut geht, auch wenn es der gesellschaftliche Frieden in vielen Momenten verlangt. Aber manchmal fehlen selbst mir die Worte, manchmal bin ich auch nur müde, und ganz oft hab ich Angst vor der Reaktion. Wie soll man da entscheiden, wie man nach außen wirken möchte? Und wie soll man wissen, wie sich jemand fühlt, wenn man ihm oder ihr nur vor den Kopf gucken kann. Ein Dilemma für alle.. 

 

Ich stehe vor dem Spiegel, nehme den neuen Lippenstift und trage ihn auf. Die Halskette mit Omas Ring passt gut zur Bluse, ich bin zufrieden. Mehr als das, ich finde mich schön. Mein Herz krampft, der Drache lacht, ich versuche es auszuhalten. Tränen sammeln sich in meinen Augen, ich atme langsam ein und aus, denk an den Mascara, Kiki. 

Es ist so unfair, zu wissen, dass die negativen Gedanken gegen einen selbst nicht der Wahrheit entsprechen, und trotzdem treffen sie einen. An mir etwas Positives zu sehen ist seit Monaten harte Arbeit, es festzuhalten fast unmöglich. Egal, was ich gut finde, der Drache schluckt es, verdaut es halb mit seiner Magensäure aus Selbsthass und spuckt es mir als Klumpen Elend wieder vor die Füße.  

 

Ich trete einen Schritt zurück und betrachte mich. Der Drache steht hinter mir, guckt über meine Schulter und schnaubt. Ihm fallen hundert Dinge ein, für die ich mich schämen sollte, statt zu genießen, dass ich mit mir zufrieden bin.  

Ich bin heute Abend verabredet, zum Essen, draußen, an einem Sommerabend mit zwei meiner besten Freundinnen. Ich will es einfach genießen, möchte mich gut fühlen und den Drachen am liebsten Zuhause einsperren. Nach langer Zeit wieder mal ein paar Stunden unbeschwert sein, ohne die negative Erzählerstimme in meinem Kopf.  

Als ich die Handtasche packe und den Masken-Geldbörsen-Labello-Check mache steht er schon im Flur und wartet. “Du bist nie allein, Prinzessin” flötet er und steigt die Treppe hoch.  

Ich lasse die Schultern sinken, checke ein letztes Mal mein Outfit und stelle mir beim Abschließen der Wohnung die Frage “Wie gut darf ich eigentlich aussehen, wenns mir scheiße geht?” 

 

 

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