Panik unterm Kirschbaum

 

Während der Computer hochfährt blicke ich aus dem Fenster und sehe der Sonne beim Untergang zu.

Kirschblütenblätter wirbeln in der frischen Aprilluft umher.

Mein letzter Blogeintrag ist von 2023. "Kleiner Drache, große Kiki". 

Ein schmerzvoller Stich lässt mein Herz stolpern.

Anfang letzten Jahres hat Mama gesagt, ich könne doch mal wieder etwas schreiben. "Die Leute lesen lieber Texte wenn es mir schlecht geht" gebe ich zu. Ich sehe es an den Klickzahlen. "Sicher freuen sie sich auch, wenn du ihnen Hoffnung gibst, dass es besser wird. Schreib doch darüber, wie gut es dir immer noch geht." 

Jetzt wünsche ich mir, ich hätte es aufgeschrieben. Hätte es genauso konserviert wie all die Drachenkämpfe, all den Schmerz, all den Selbsthass. Darüber hab ich ja wirklich viel und ausgiebig geschrieben. Mein Topf dahingehend schien endlos.

Ist endlos. 

Ich hätte hier schreiben können, wie gut ich mit Stress umgehen kann. 

Wie gut ich darin geworden bin, meine Bedürfnisse zu erkennen und sie zu kommunizieren.

Hätte schreiben können, wie toll ich mich in einer Beziehung weiterentwickeln kann, ohne Angst davor zu haben, dass Kompromisse weniger Raum für mich bedeuten.

Ich hätte den Computer hochfahren, hätte mich selig grinsend zurücklehnen und den Bildschirm anstarren können. Hätte meine Finger über die Tastatur fliegen lassen können und den Buchstaben dieses zuckersüße Leben einhauchen können, das mich umgibt seitdem der Drache die Schnauze hält.

Ich hätte für mich festhalten können, wie sich die kleine Kiki zur großen entwickelt und die große Kiki selbst endlich Flügel bekommt und ohne Geschrei und Furcht den Boden unter den Füßen verliert, um frei und ungehemmt ihre eigenen Flugmanöver zu meistern. Ich hätte das für uns festhalten können.

 

Heute habe ich den Computer hochgefahren und diesen Blog geöffnet, um einen alten Copingmechanismus anzuwenden: Schreiben. 

Mir geht es gerade nämlich gar nicht gut. Fliegen tue ich seit ein paar Wochen schon nicht mehr, ich stolpere ehrlich gesagt die meiste Zeit etwas gehetzt und ohne richtiges Licht durch einen Tunnel aus Arbeit, Erwachsenenkram, Carearbeit, Sozialleben und dem kläglich gescheiterten Versuch, genug Zeit für Selbstliebe zu finden.

Wein predigen und Wasser saufen oder wie war das Sprichwort? 

Klar kann ich dir Tipps geben, wie du zurückschraubst, wie du Zeit für dich findest, wie du dich priorisierst. Bin ja immerhin die Meisterin, haben wir ja alle schon bezeugen können, der Therapierfolg wurde hier schriftlich verewigt.

Ach ich muss das auch bei mir durchziehen? IMMER? Also wirklich FÜR IMMER?

Oh..

Selbstbewusst und selbstbelügend habe ich Anzeichen der Übermüdung und Ausgelaugtheit ignoriert, weggeredet, runtergeschluckt. 

So ehrlich muss ich sein, hier und heute, am 14. April, aus meinem Fenster schauend und betrübt. 

 

Anfang letzter Woche war noch alles gut - augenscheinlich. 

Cani und ich sind durch die Altstadt spaziert, haben den Einheimischen und Touris beim Fotomarathon zugeschaut, haben selbst ein paar Erinnerungen geknipst. Auf dem Heimweg war ich beseelt, glücklich. Habe Liebe durch meine Zellen fließen lassen. 

Zuhause dann noch ein bisschen Serie, runterkommen. Ein Telefonat mit V, abschminken, Bett. Mehr als acht Stunden bis der Wecker klingelt, welch seltene korrekte Priorisierung meiner Schlafbedürfnisse. Ich stellte den Timer für den Einschlafenpodcast, öffnete die Sudoku-App auf dem Handy. Eine Runde geht noch.

 

Dienstag, 07. April, irgendwas um 22:00 Uhr. 
Mein Herz klopft schneller als erwartet, ich atme tief ein und aus, lenke den Blick weg vom Display in den Raum rein, fixiere die Glühbirne, die an einem geknoteten Kabel von der Decke baumelt. 
Ich höre das Rauschen im Ohr, meine Fingerspitzen fangen etwas an zu kribbeln. Ich denke an Ted Lasso, wir gucken gerade die Serie, ich denke daran wie er seine Finger aneinanderreibt und auch meine Fingerkuppen geben sich gegenseitig Reize in Form von Aneinanderreiben und Klopfen. 
Was'n hier los?

"Kiki, was ist los?" frage ich in den Raum, in dem nur ich selbst mir antworten kann. Ich höre in mich herein. Ich stelle mir vor, wie der Drache vor einem riesigen Aktenschrank steht und hunderte Pappumschläge in Windeseile durchsucht, als müsste die Antwort irgendwo verzeichnet sein, irgendwo in seinen unzähligen Akten mit Gründen, mich zu knechten.

Ratlos steht er da und kratzt sich am Kopf. Er hebt die Schultern. 

Gut, dann halt selber auf die Suche gehen. 

Vor meinem inneren Auge lasse ich alle zurückliegenden und kommenden Themen aufblitzen, Beziehung, Arbeit, Freundschaften, Familie.
Was habe ich gesagt? Was habe ich getan? Habe ich etwas noch nicht getan? Ist morgen eine Frist? Steht ein Konflikt an? Was sagt mein Konto? Ist jemand sauer auf mich? Bin ich sauer? 

Bei keinem Gedanken zieht sich mein Magen ein Stück mehr zusammen, kein Schlagwort, keine Person, keine Aufgabe scheint gerade Grund genug für eine Panikreaktion.

Ich fange an zu schwitzen, ich merke wie ein Kloß in meinem Hals suggeriert ich könnte weder atmen noch schreien. Ich rufe "HALLO" um mir selbst zu beweisen, dass ich nicht verstummt bin. LUUFT, kommt mir Klaas' hilflos-ikonischer Ein-Wort-Satz in den Kopf. Ich stürze zum Fenster, reiße den Vorhang zur Seite und öffne das Fenster. Jetzt hier runter und es wäre vorbei.

Ich lasse mich wieder aufs Bett fallen, der Gedanke kommt nicht aus mir heraus, er ist Produkt der Angst, die in mir aufsteigt, soweit kann ich das sortieren, aber ich verstehe nicht, wieso ich mich überhaupt gerade in dieser Situation befinde. Mir wird übel und ich gehe langsam ins Badezimmer, öffne den Deckel und hänge meinen Kopf über die Schüssel. Der Geruch von Abfluss und Zitronenfrisch steigen mir in die Nase, ich fange sofort an zu weinen.

Ist das jetzt wieder mein Leben? Muss ich wieder zwischen Reiswaffeln, lauwarmem Tee und Badezimmerfliesen existieren? Muss ich wieder wochenlang auf richtiges Essen verzichten?

Ist das wieder mein Leben?

Die Gedanken prasseln wie tonnenschwere Hammerschläge auf mich ein, mein Magen dreht sich um, ich schnappe nach Luft. Mein Kopf kann nicht greifen, was hier passiert und doch erinnert sich jede Zelle meines Körpers an die unzähligen Male, in denen es mir schon so erging.

Mein gesamtes Innenleben ist im Schleudergang.

Auch nach all der Zeit ohne somatische Beschwerden haut mich diese Situation um, mit voller Wucht.

Ich, gequält von unbeschreiblicher Übelkeit, von Putzmittelgeruch eingenebelt, über Scheißhausporzellan hängend.

Ist das wieder mein Leben?

Dass ich so jahrelang gelebt habe, so leben musste, erschüttert mich auch nach Jahren ohne schwerwiegende Kotzerei und erfüllt mich mit unerträglicher Trauer für mein jüngeres Ich.

Und jetzt darf das Hier-und-Jetzt-Ich auch nochmal 'ne Portion abgreifen, welch wundervolles Geschenk. 

Tränen vermischen sich mit Schweiß, ich drücke den Spülschalter. 

 

Ich stehe am Fenster in der Küche, hinter mir leuchtet der Wasserkocher blau.

Das Kribbeln in den Fingern ist nicht weg, das Rauschen in den Ohren schon.

Ich verstehe immer noch nicht, wo gerade mein Problem liegt.

Wieder ein Blick nach unten, Vertigo-Effekt. Es klickt, das Wasser brodelt noch, ich gieße es in die Tasse mit Teebeutel. Fenchel-Anis-Kümmel. Der Geruch beruhigt mich. 

Langsam gehe ich ins Wohnzimmer, schnappe mir eine Decke und lege mich auf die Couch. Die Übelkeit schwappt in mir hoch, ich setze mich aufrecht hin. Gut, Babysteps. 

Immer wieder kocht die Angst über und wird zur klingelnden Panik in meinem Kopf, ich kämpfe gegen Schwindel und Zittern, gegen Übelkeit und Würgereiz, mal eine halbe Minute, mal zwei, mal fünf, mal zehn, manchmal verliere ich. In den Pausen durchkämme ich mein Gehirn und mein Herz nach Auslösern, Das hier kommt nicht einfach so, ich weiß das.

Ich weiß das!

Als ich die ersten Vögel höre, finde ich endlich in den Schlaf, mein Körper hat sich selbst ausgelaugt. Früher bin ich nach solchen Nächten noch im Hotel arbeiten gegangen. Zyniker könnten jetzt sagen, das kommt mit dem Alter, man ist nicht mehr so fit. Mir ist alles egal, ich will nur weg von den tausend Ameisen unter meiner Haut.

 

Dienstag, 14. April, fast 22:00 Uhr.

Nun ist eine Woche vergangen und ich habe mir den Gehirnschmalz frittiert, jeden bekannten Winkel meines Innenlebens neu ausgeleuchtet. Habe trotzdem gearbeitet, habe trotzdem Geburtstag gefeiert, habe trotzdem ein Lächeln aufgesetzt, war eine Freundin, eine Partnerin, eine Kollegin. 

Ich stelle mir vor, wie ich bei Mr. H. sitze, ihm mein Leid klage und mich beschwere. Ich fühle mich im Stich gelassen von mir selbst, wo ist meine Achtsamkeit? Wo ist meine Selfcare? Alles war etwas viel, aber nie war es zu viel. 

Ehrlich gesagt hatte ich wirklich nie die Alarmglocken an in den letzten Wochen, ich habe mich gut dabei gefühlt, dass ich beschäftigt war, busy, dass mein Leben mit vielen Terminen und Dingen vollgestopft ist. Oder war.

Es hat sich gut angefühlt und meine feinen Antennen für andere haben auch keine Besorgnis von Außen gespürt. Das ist kein Vorwurf an meine Liebsten, bitte nicht falsch verstehen. Wir waren uns alle einig, dass es läuft. 

Dass es doch zu viel war enttäuscht mich ehrlich gesagt. 

Es fühlt sich seltsam an, das zu tippen und ich habe gerade nach langer Zeit mal wieder den Gedanken, etwas nicht zu veröffentlichen..

Aber ja, ich bin enttäuscht und auch etwas irritiert davon, dass mein Unterbewusstsein so heftig reagiert, um mir Signale zu schicken. 

Und trotzdem kann ich niemand anderem die Schuld an dieser Horrornacht geben und auch nicht an der mich seitdem begleitenden Nervosität, der Übelkeit, dem Gedankenballast. Denn wochenlang habe ich nicht vor ein Uhr nachts in den Schlaf gefunden, weil die Tage so ereignisreich waren, dass ich nicht abschalten konnte. Wochenlang habe ich Kaffee statt Essen gewählt, weil mir der Appetit fehlte, weil ich so müde war. Also gab es Anzeichen, so fair muss ich sein.

Ich bin genervt. Und traurig. 

Rückschläge sind in jedem Leben zu ertragen, ich hätte nur nicht gedacht, dass es nach so langer Zeit noch so reinhaut. Und dass es mich so trifft. Dass ich immer noch so viel Trauer über die Zeit damals in mir trage, dass mich die leibhaftige Erinnerung daran so einfängt und mein Herz fast zerquetscht. 

Natürlich gibt es nur den Weg nach vorne, den Weg raus aus der Dunkelheit, den Weg mit mehr Pausen, mehr Zuwendung zu sich selbst, mehr gesundem Egoismus.

Natürlich ist das der Plan. Und ich weiß auch, dass es ein Ausnahmezustand war und die Nachfolgen abebben. Aber heute will ich noch ein bisschen traurig sein darüber, dass es mir so erging. Und ergeht.

 

Das hier aufzuschreiben hat mich zumindest für die letzten zwei Stunden ruhiger werden lassen. Es hat geholfen, meine Gedanken zu sortieren.

Der Text ist so gar keine dramafreie Plauderrunde mit Kiki, die ihr Leben total im Griff hat und auf Wolke 7 schwebt. 

Aber vielleicht ist er die Erinnerung daran, dass auch die Menschen Tiefschläge erleben, die augenscheinlich alles mühelos meistern. 

Alle scheitern hin und wieder.
Hallo, mein Name ist Kiki und aus dieser Sitzung nehme ich heute mit, dass Achtsamkeit indiskutabel ist. Sie darf sich verändern, darf entschärft und anders priorisiert werden. 

Aber Achtsamkeit ist unabdingbar.